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Vulkan & Tourismus

Herbsttour in den Vogelsberg

Kostenloses Himmelsschauspiel (c) Brigitta Möllermann

Kostenloses Himmelsschauspiel (c) Brigitta Möllermann

Abendessenszeit, Fernsehzeit, der Tag war sonnig und schön. Bald nach Sonnenuntergang wird es kalt draußen. Wiesen säumen die Straße. Ein paar Dörfer, aufgereiht wie viereckige Perlen mit geschlossenen Geschäften ziehen nahezu menschenleer vorbei. Das hessische Outback wirkt wie ausgestorben. Die Asphaltbahn vor meinen Scheinwerfern führt langsam bergauf. Vor mir tauchen Kurven auf. 100 Stundenkilometer sind erlaubt. Die Straße ist von hier aus gut zu übersehen, wenn die Felder abgeerntet sind. Doch nur bis 80 Stundenkilometer ist es ungefährlich. Langsam wird es dunkel. Aus dem dichten Wald kommt mir Gegenverkehr entgegen, doppelte Scheinwerferpaare leuchten in mein Gesicht. Ich wundere mich.

Nach dem nächsten Dorf taucht eine Nebelwand vor mir auf. Abrupt, unverhofft und so dick wie Watte steht sie plötzlich in der Luft und verhüllt die Welt um mich. Der Asphalt ist verschwunden, nur zwei kleine Stückchen Straßenmarkierung bleiben sichtbar frei im Nebelweiß. Hektisch schalte ich meine Nebellampen an, vorne und hinten. Es nützt so gut wie nichts.

Die nächsten Kilometer krieche ich im Schritttempo auf der Landstraße weiter, hangele mich am Mittelstreifen entlang und sende bei jedem auftauchenden Begrenzungspfahl ein Stoßgebet zum Himmel. Ergeben in das Vogelsberger Wetterschicksal - wie schon so oft hier oben. Ich hoffe, dass ich nicht aus Unaufmerksamkeit auf einem der einsamen Felder ringsum lande oder kein Reh, Wildschwein oder Fuchs es sich gerade in diesem Moment einfallen lässt, vor mir sein Futter auf der anderen Straßenseite zu suchen.

Typisch hier oben: Im Himmel ist noch Licht (c) Brigitta Möllermann

Typisch hier oben: Im Himmel ist noch Licht (c) Brigitta Möllermann

Und ganz plötzlich reißt der Nebel wieder ab. Alles ist wieder klar. Ich komme mir blöd vor, habe ich geträumt? Der hohe Himmel über mir scheint mich zu verhöhnen. Ich schalte die rückwärtige Nebellampe wieder aus. Die vorderen lasse ich - leicht trotzig - an und gebe wieder Gas.

Ein paar hundert Meter weiter ist er wieder da. Diesmal wabert er wie ein riesiger quer liegender Schleier über die Landstraße. Gespenstisch wirkt das. Als mir ein Fahrzeug entgegenkommt, wird die Szene breitflächig abartig von beiden Seiten beleuchtet. In diesem Moment kann ich verstehen, dass viele Fremde nach einem Besuch im Vogelsberg auffällig ungern mit der Heimfahrt bis zum Dunkelwerden warten. Unheimlich sieht das aus, man ist versucht, an nächtliche Monster zu glauben.

Kaum fahre ich wieder alleine auf der Asphaltspur zwischen den stillen Feldern entlang, erfassen meine Scheinwerfer das nächste Waldstück mit rettenden Tannen. Zwischen ihnen gibt es keinen Nebel. Er bildet sich nur über den Wiesen, steigt vom feuchten Gras auf. Glaube ich. Doch diesmal ist die Wirklichkeit ganz anders.

Zwischen den Bäumen umfängt mich und mein Auto wieder undurchdringliches Weiß. Die Scheibenwischer registrieren Feuchtigkeit und versuchen, mir im Intervall freie Sicht zu verschaffen. Vergeblich, es ist nichts zu sehen außer einem blickdichten, hellen Nichts. Und schließlich begreife ich: Ich bin in den Wolken. Sie liegen hier im Vogelsberg manchmal einfach so auf der Straße herum :-)

Wie gemalt: Farbiger Morgenhimmel (c) Brigitta Möllermann

Wie gemalt: Farbiger Morgenhimmel (c) Brigitta Möllermann

PS: Es mag ja sein, dass jemand diese spezielle Vogelsberger Wetterlage Hochnebel nennt. Aber dazu müsste er spätestens auf 450 Höhenmetern stehen bleiben. Das vulkanische Oberland ragt höher hinauf, ist näher am Himmel. Ganz typisch ist dafür die Wolkenmütze, die sich der Hohe Vogelsberg an manchen Tagen im Jahr aufsetzt. Sie kann man von einigen Stellen aus recht gut sehen. Nachts sinken die feucht wabernden Wolkenschwaden ab und legen manchmal die Bergkuppen erst nach Sonnenaufgang wieder frei. Wenn dann die diesige Morgensonne über den Horizont steigt und Raureif plus zarte Watteschicht gelb-rosa beleuchtet, wähnt man sich im Zauberland mit wehenden Feenschleiern. Für ein paar Minuten. Und nicht im Geringsten unheimlich - wenn es Tag on Bird's Mountain ist.

Quelle: Brigitta Möllermann


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