Vielseitige Landschaft Vogelsberg
Wer über die Vielfalt einer Landschaft berichten
will, kommt nicht umhin, ein paar Sätze
über ihre Erdgeschichte und ihre Menschen
zu sagen. Tektonische und vulkanische Vorgänge
sowie die Abtragungen haben das natürliche
Bild des Vogelsberges geformt, die Menschen
haben ihn nach ihren Bedürfnissen umgestaltet
und sein Aussehen verändert.
Der Vogelsberg ist ein erloschener Vulkan aus
dem Jungtertiär. Er überdeckt Sedimente
(Bundsandstein, Rupelton) eines Meeres aus
dem Mitteloligozän (vor rund 50 bis 60
Millionen Jahren). Die Ursache für seine
Entstehung sind Krustenbewegungen, die sich
an hauptsächlich nordsüdlich gerichteten
Bruchzonen vollzogen. Der Oberrheingraben,
der niederrheinische Grabenbereich und die
herzynischen Brüche, besonders die Harznordrandstörung,
trafen unter dem heutigen Vogelsberg zusammen.
Hier, wo die Erdkruste stark in einzelne Schollen
zerstückelt war, bestanden die besten
Voraussetzungen für den Aufstieg des
basaltischen Magmas.
Die ersten vulkanischen Ausbrüche fanden
im unteren Miozän vor rund 18 bis 20
Millionen Jahren statt. Erst vor etwa sieben
Millionen Jahren, im Torton-Sarmat oder auch
im unteren Pliozän, der letzten Epoche
der Tertiärzeit, dürfte der Vogelsberg
erloschen sein. Während seiner eruptiven
Tätigkeit, die sich über einen großflächigen
Raum erstreckte, wurden aus zahlreichen Einzelvulkanen
neben Tuffen und Schlacken gewaltige Lavamengen
ausgestoßen, die sich, oft gegenseitig
überlappend, über eine Fläche
von rund 2.500 qkm ausbreiten: Mit seinen
verschiedenen Basalten und Basalttuffen stellt
er das größte zusammenhängende
Vulkangebiet des europäischen Festlandes
dar.
Zwischen den einzelnen Ergussphasen lagen oft lange
Ruhezeiten mit starker Abtragung. Im jetzigen
Oberwaldgebiet hat die vulkanische Tätigkeit
wohl am längsten angehalten. Es war das
Zentrum des Vulkanismus.
Das heutige Relief des Vogelsberges ist das Ergebnis
von allseitig wirkenden Abtragungskräften
und zeitweiligen Hebungsvorgängen. Besonders
die nachfolgenden Eiszeiten, vor etwa 2,5
Millionen Jahren beginnend, haben das damalige
Tundrengebiet durch mechanische Gesteinszerkleinerung,
flächenhafte Abtragung und vor allem
Ausnagung (Erosion) der Bach- und Flusstäler
nach Breite und Tiefe stark verändert.Diese
Vorgänge hatten ein Ausmaß, wie
sie in keiner anderen Klimazone der Erde auch
nur annähernd ereicht wurden.
Vor allem während der Eiszeiten wurden aber
auch durch gewaltige Staubstürme große
Mengen eines gelblichen Mehlsandes (Löß)
herangeweht, die sich in stellenweisen meterdicken
Schichten über die Basaltdecke und der
Verwitterungsprodukte schichten.
So haben wir heute im Vogelsberg mit seinen Kuppen,
Hängen und Tälern einen Abtragungskörper
vor uns, der von der Natur selbst vielfach
verändert wurde. Der "Zahn der Zeit",
Hitze, Frost, Wasser, Eis und Wind, haben
im Laufe der Jahrmillionen die Formen und
Strukturen dieser landschaft gestaltet und
ihnen die heutige Oberflächenform gegeben.
Von der einstmals geschlossenen Basaltpanzerung
ist ein zernagter Rest übriggeblieben,
von dem sich strahlenförmig eine Vielzahl
von Bächen, Quellen und Rinnsalen zu
Tal schlängeln.
Nach den Eiszeiten besiedelten artenreiche Laubwälder
unser Gebirge, in denen die Buche dominierte.
In den Tälern und Tieflagen sind dem
Buchenwald Eichen, Eschen, Wildkirschen, Ulmen
und viele andere Baumarten beigestellt. Mit
zunehmender Bergeshöhe treten diese mehr
wärmeliebenden Arten zugunsten von Bergahorn
und Roterle zurück. Esche und Bergulme
steigen mit der Buche bis in die Hochlagen
auf.
Lange Zeit war unser Land wegen seines rauhen Klimas
und seiner hohen Niederschläge nur sehr
schwach besiedelt. Erst etwa ab dem 5. jahrhundert
unserer Zeitrechnung änderte sich das
grundlegend, und eine große Rodungs-
und Siedlungsperiode setzte ein, die bis weit
ins zweite Jahrtausend anhielt. Viele der
schönen Vogelsbergdörfer entstanden
in dieser Epoche. Die Rodungszeit und Inbesitznahme
des Landes durch den Menschen gaben dem Vogelsberg
sein heutiges Gepräge. Die Laubwälder
wurden gerodet zur Landgewinnung und Holzkohlenherstellung
für die vielen Waldschmieden und die
Glashütten, die damals betreiben wurden.
Viel Land kam unter den Pflug und wurde für
den Ackerbau genutzt. Lediglich die Hochlagen,
der heutige Oberwald, blieben wegen ihrer
Unwirtlichkeit verschont. Ebenso die flachgründigen
und unfruchtbaren Bergkuppen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahm der Wald
wieder zu. Für die Wiederaufforstung
wurde aber ab etwa 1850 aus wirtschaftlichen
Erwägungen heraus die Baumart Fichte
im Vogelsberg eingeführt, die es hier
vorher nicht gab. Sie nimmt heute rund 50
Prozent der Waldfläche ein. Der Anteil
wird gegenwärtig aus ökologischen
Gründen verringert.
Schauen wir heute von einem schönen Aussichtspunkt
des Vogelsberges über die Landschaft,
so sehen wir das Land wie einen bunten Flickenteppich
vor uns. Wälder, Äcker und Wiesen,
durch natürlich entstandene Lesesteinhecken
und Schutzpflanzungen gegliedert, liegen in
buntem Wechsel mit freundlichen Dörfern,
baum- und buschgesäumten Bächen
und Verkehrswegen vor uns. Wir empfinden die
Landschaft als abwechslungsreich und schön,
trotz inzwischen vielfältiger von Menschenhand
vorgenommener, auch negativer, Veränderugnen.
Gerade die reichgegliederte, vielfarbige Landschaft
bietet auch heute noch einer artenreichen
Pflanzen- und Tierwelt Lebensraum und Existenzgrundlage.
Rechnet man die unterschiedlich getönten
Klimazonen des Vogelsberges hinzu, die durch
die verschiedenen Höhenstufen wie Vorderer,
Unterer und Hoher Vogeslberg sowie die Kegelform
des Gebirges mit seiner nach allen Richtungen
der Windrose geneigten Abdachung verursacht
wurden, so wundert den naturverbunden Betrachter
der große natü;rliche Artenreichtum
nicht. Erst in jüngster Zeit wurden durch
Bautätigkeit, Verkehrserschließung
und moderne Landbewirtschaftung diese Lebensbedingungen
negativ verändert.
Um diesen sowohl für den Naturhaushalt als
auch für den Menschen als Erholungsgebiet
unverzichtbaren hochwertigen Lebensraum zu
erhalten und seine künftige Weiterentwicklung
entsprechend zu lenken, wurde bereits 1956
der Vogelsberg als Landschaftsschutzgebiet
ausgewiesen und 1958 der Naturpark Hoher Vogelsberg
geschaffen. Besonders wertvolle Lebensräume,
wie zum Beispiel das Hochmoor, die Goldwiese,
der Geiselstein, die Forellenteichwiesen im
Oberwald, die Taufsteinkuppe, der Erstberg
bei Sichenhausen, der Rothenbachteich, der
Obermooser Teich und andere, wurden unter
strengen Naturschutz gestellt, damit die Gebiete
mit ihrem seltenen Artenreichtum auch der
Nachwelt erhalten bleiben.
Aber auch an die Besucher wurde gedacht: gemeinsam
mit den Städten und Gemeinden, dem Landkreis,
dem Vogelsberger Höhen-Club und den Waldbesitzern
hat der Naturpark Hoher Vogelsberg viele Erholungseinrichtungen
errichtet. Waldparkplätze und ein sehr
großes Wanderwegenetz erschließen
die so abwechslungsreiche, reizvolle Vogelsberglandschaft,
gastfreundliche Erholungs- und Luftkurorte
laden als Wanderziel und zur Erholung im Urlaub
ein.
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