Land & Leute

Karuszel Gebirgskulturen: Auf der Suche nach dem Geist des Vogelsberges

Kategorie: Land & Leute

Michael Ruhl (vorne) auf den Spuren der Vergangenheit (c) Brigitta Möllermann

Michael Ruhl (vorne) auf den Spuren der Vergangenheit (c) Brigitta Möllermann

Seit Jahren treffen sich Einheimische und Zugereiste an jedem ersten Freitag eines Monats an wechselnden Orten im Vogelsberg in möglichst zünftigen Gaststätten, um zu plaudern und zu essen. Die Kultur und Architektur, die Pflege und Dokumentation des kulturellen Erbes der Region sind Themen des geselligen und öffentlichen (eintrittsfreien) Gesprächskreises des Vereins "Karuszel Gebirgskulturen". Am 8. Januar 2016 traf man sich im Landgasthaus Groh in Ulrichstein zu einem Bilder-Vortrag von Josef Michael Ruhl über den GENIUS LOCI VOGELSBERG.

Was macht den Vogelsberg so einzigartig?

Ruhl ging in seinem Vortrag auf den Genius Loci der Region ein: "Unserem Vogelsberg scheint ein besonderer Geist innezuwohnen, der - wenn man so will - seelisch wirksam ist und die Landschaft über den Zustand des reinen ästhetisch­ Schönen hinaushebt."

Er nahm seine rund 30 Zuhörer in Ulrichstein mit auf eine bebilderte Forschungsreise. Als Architekt ist er mit dem Wissen um die Bedeutung der Aura und die besonderen Merkmale einzelner Orte vertraut. So öffnete er den Besuchern des Abends auf unterhaltsame Weise eine Tür zu unseren alten Schutzgeistern, speziellen Vogelsberger Fakten aus unserer Vergangenheit, deren Deutung und die eine oder andere Möglichkeit, manches heute noch wahrzunehmen.

Wasser im Vogelsberg: Grundlegende Form der Lebensenergie (c) Brigitta Möllermann

Wasser im Vogelsberg: Grundlegende Form der Lebensenergie (c) Brigitta Möllermann

"Hätten wir keine Bäche, wäre der Vogelsberg niemals besiedelt worden", ließ Ruhl die gebannt lauschenden Zuhörer wissen. Trotzdem wohnte auf den Höhen des Oberwaldes, wo viele der Gewässer entspringen, bis heute nie jemand. Die angrenzenden Plateaus boten bessere Voraussetzungen für eine Besiedlung.

"Das Gebirge hat durch seine in alle Richtungen weisenden Bachläufe vielfältige Öffnungen, ist sozusagen aufgeschlossen zur Wetterau, zum Kinzigtal, zum Fuldaerland, zur Schwalm sowie zum Marburger und Gießener Becken. Wenn wir vom Genius Loci reden, dem Geist eines Ortes, so geht es bei uns im Vogelsberg im Kern um die Verwandlung einer unwirtlichen Landschaft in eine lebenswerte, fruchtbare und anziehende Region."

Vorgeschichte

Vor circa 250 Millionen Jahren existierten im sogenannten Erdmittelalter auf unserem Kontinent noch keine Menschen. Es dominierten Dinosaurier auf der Erde, bis sie ausstarben. Die anschließende Erdneuzeit vor rund 15 Millionen Jahren war von gewaltigen Vulkanausbrüchen geprägt, bei denen der Vogelsberg entstand.

Der Homo erectus im Vogelsberg

Urzeitliche Menschen der Altsteinzeit benutzten Werkzeuge aus behauenem Stein. Entsprechende Funde von Hackwerkzeugen, so genannten Chopping Tools, Faustkeilen und anderen Steingeräten in Münzenberg, Schwalmtal-Rainrod und Ziegenhain, lassen den Schluss zu, dass die Region hier schon vor 450.000 bis 500.000 Jahren bewohnt war.

Die Urhütten der Neandertaler

Prähistorische Hütten und Unterstände - Zeichnung (c) Josef Michael Ruhl

Prähistorische Hütten und Unterstände - Zeichnung (c) Josef Michael Ruhl

Die technisch versierteren Nachfahren des Homo erectus, die Neandertaler, kamen vor etwa 130.000 bis 30.000 Jahren zu uns als Jäger und Sammler, kannten das Feuer und zogen als Nomaden ohne festen Wohnort den Tierherden hinterher. Ihre Waffen bildeten Speere und Spieße mit hölzernen Schäften, die sogar zum Erlegen größerer Beute geeignet waren.

Erste nachgewiesene Feuerstellen erzählen von langen "Grillabenden unterm Sternenzelt"

Die Menschen im Vogelsberg waren damals noch nicht sesshaft. Sie errichteten maximal einen Unterschlupf für einige Tage oder Wochen. Häuser wurden an ihren Rast- und Werkplätzen keine gefunden. Später entstand eine Art Schutzhütte, und zwar rund. Kulturübergreifend wurden und werden in allen Erdteilen teilweise immer noch runde Hütten gebaut. Sie bieten das bestmögliche Verhältnis von Oberfläche zu Nutzfläche und Volumen.

Die wichtigste Quelle zur Ernährung war die Jagd, daneben wurden Blätter, Früchte und Samen verwendet. Vorräte machte man durch Räuchern und Trocknen haltbar. Über 60 identifizierte Steinwerkzeuge für alle Arten von Tätigkeiten wurden im Vogelsberg bei Hattendorf, Maar und Wahlen gefunden. Die meisten aus Quarzit, einige Blattspitzen von Wurfspeeren und steinerne Dolche aber auch aus Basalt. Sie waren eine direkte Weiterentwicklung der früheren Formen, sogar mit einem erkennbaren Formwillen.

Mythos und Kultur

Wie der Vogelsberg sich im Laufe der Zeit wandelte - Foto (c) Brigitta Möllermann

Wie der Vogelsberg sich im Laufe der Zeit wandelte - Foto (c) Brigitta Möllermann

Ruhl meinte zum Entstehen und Werden allen Lebens: "Das hat immer mit Energien zu tun. Energien im Inneren der Erde, Energien verwandeln die Materie, Energien lassen Leben entstehen, Energien sind notwendig um es aufrechtzuerhalten." Dazu ordnete er fünf einzelne Stationen in einen Kreislauf ein: "Das passt hervorragend zu unserem runden Vogelsberg."

Kräfte der Natur: Entstehung der Kultur und einer Naturreligion

Dort, wo das vulkanische Vogelsbergrelief vom Wetter, Wasser, Feuer und Winden besonders ausgeprägt geformt war, auf Felsanhöhen und im undurchdringlichen Wald, wies man in der vorchristlichen Zeit natürlichen Phänomenen bestimmte Kräfte zu. An solchen heidnischen Stätten wurde später das Christentum gepredigt. Viele Bezeichnungen erinnern noch daran, wie beispielsweise Teufelskanzel und Wildfrauhaus.

"Lange bevor Siedlungen und Dörfer gebaut wurden, brachten die Menschen ihre Sammler- und Jagdkultur mit und später die Kultur der Fruchtbarmachung der Erde, die Absteckung eines Claims, die Bildung von Sippen und Familien und die Anbetung der Götter. Wenn wir uns eine Vorstellung der damaligen Landschaft im Vogelsberg machen wollen, so waren die natürlichen Kräfte stark präsent", teilte Ruhl mit. "Der Himmel wurde gleichberechtigt neben allem anderen wahrgenommen, die Sonne erzeugt Licht und Schatten, und Wasser ist als dynamisches Element überall gegenwärtig. Feuchter Nebel hüllt die Welt manchmal in gespenstisches Schweigen, andererseits gibt es aber auch klare Bilder."

Landschaft unterm Totenköppel - Zeichnung (c) Heinz Seibert

Landschaft unterm Totenköppel - Zeichnung (c) Heinz Seibert

Zu unbegreiflich für die Menschen damals war, was dabei in die Vogelsberger Welt gezaubert wurde. So erfanden sie Zwerge, Wind- und Wassergeister, Bachhüter, Berggeister, Zauberer und Drachen, Elfen und andere Geister. Diese lebten an besonders geheimen Orten, so überliefern es uns Sagen und Geschichten.

Ruhl schlug einen Bogen zum Sinn dahinter: "Die Zuweisung von heiligen Orten an bestimmte Gottheiten, hatte den Vorteil, dass deren Kräfte in Schach gehalten werden konnten. Dämonen oder verehrten Heiligen wurden Behausungen zugewiesen, wie die Thorkuppe (Hünengrab mit Bronzespiralen und Frauenschmuck), das Wildfrauenhaus, ein Frau-Holle-Loch, Heinzemann oder Teufelsmühle und -tisch. Dadurch, dass sie an bestimmte Orte gebunden waren, hatten die Menschen in der Vergangenheit Möglichkeiten, sie auch zu beeinflussen, sie anzubeten und ihnen Opfer zubringen."

Meterhohe schroffe Felsen vulkanischen Ursprungs (c) Brigitta Möllermann

Meterhohe schroffe Felsen vulkanischen Ursprungs (c) Brigitta Möllermann

Ein Phänomen, das aus großer Tiefe der Vorgeschichte herausragt, ist das der Wilden Frau, der Göttin der Jungsteinzeit, die in dreifacher Gestalt verehrt wurde: als Hauptgöttin, als Fruchtbarkeitsgöttin und als Göttin der Pferdewirtschaft. Die Kelten nannten sie Epona. Bei den Germanen war es die Göttin Freya. Im Vogelsberg gibt es mannigfaltige Hinweise auf sie: Das Wildfrauenhäuschen, Christines Häuschen, Wellefraugestäul und andere mehr. Bekannt ist sie ebenfalls als Frau Holle aus den Volksmärchen der Gebrüder Grimm. Ihr Gegenspieler war häufig der Teufel.

Besiedlung und Baukunst in der Vulkanregion

Aus der Jungsteinzeit, ab etwa 12.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, wurden im Vogelsberg Hinweise ausgegraben, dass die Menschen begannen, nach und nach Siedlungsplätze mit Feldern anzulegen und dadurch die ersten Dörfer entstanden.

Architekt Ruhl beschrieb den Beginn der Besiedlung des Vogelsberges, die lange nach der Erkaltung des Vulkans erfolgte: "Die anhaltende irreversible Veränderungskraft des Menschen brach sich in jener Zeit Bahn durch angepasste Kleidung, bestimmte Aufenthaltsplätze und Arbeitsstrukturen, eine geplante Nahrungsgewinnung und Konservierungsmethoden sowie eine perfektionierte Jagdtechnik. Und am Ende dieser Phase stand das feste Haus!"

Größere Fundorte für diese erste Siedlungsphase liegen in Feldatal-Stumpertenrod und Kirtorf-Wahlen, u. a. mit Steingeräten, Kernbeilen und Reibeplatte. An diesen Stellen kann man schon von dorfähnlichen Gebilden sprechen, weil die Menschen dort nicht nur zeltartige Hütten, sondern stabile aus Holz errichtete Behausungen mit Dächern aus Rinde oder Schilf hinterließen. Ihre Tiere - Rinder, Schafe und Schweine - blieben noch draußen auf der Waldweide.

Alles gehört zusammen: Die Landschaft auf dem Vulkan, die hier entstandene Kultur und die Art zu bauen - Foto (c) Brigitta Möllermann

Alles gehört zusammen: Die Landschaft auf dem Vulkan, die hier entstandene Kultur und die Art zu bauen - Foto (c) Brigitta Möllermann

Der Prozess des Übergangs von umherziehenden zum sesshaften Menschen ist ein beliebter Forschungsgegenstand und von komplizierten geistigen und religiösen Prozessen begleitet: Ritualen, Gesängen, Tänzen und Geschichten.

Ruhl sagte: "Es war eine Kunst, einen Platz auf der Erde zu finden, an dem man in Ruhe wohnen konnte, um sicher vor Überschwemmungen, feuchten Stellen, starken Winden und dem Wetter zu sein. So ein Ort wird von seinen Rändern und Grenzen umfasst und bildet einen Raum. Sein sich wandelnder Charakter wird von der Atmosphäre bestimmt und bekommt schließlich eine Orientierung durch Landmarken, Knoten, Wege, Bäche."

Kräfte der Natur: Entstehung der Kultur und einer Naturreligion

Jungsteinzeitliche inselartige Siedlungen in der Nähe von Wasser samt eingezäunter Gärten und von Hecken umsäumten Feldern findet man bevorzugt an sanft geneigten Hängen unseres Mittelgebirges. Holz wurde in der Umgebung geschlagen für nun schon massive Bauten. Ein langgestreckte Holzständerbau von 25 Metern Lange und 8 Metern Breite. Meist war er unterteilt in Schlafbereich, zentrale Wohn- und Arbeitsstätte und einen Speicher für Vorräte. Backofenartige Feuerstellen befanden sich draußen.

Für Vorläufer unserer Fachwerkhäuser wurden Pfosten aus Eichenholz in den Boden gerammt, dazwischen ein Geflecht aus Birken, Pappeln, Haseln und Weidezweigen angelegt, das mit Lehm verstrichen war. In der Regel waren solche Häuser schon nach 30 bis 50 Jahren baufällig und mussten erneuert werden.

Im ständigen Wandel wurden sie Zug um Zug verbessert, das ging immer mit der Verlegung des Wohnplatz einher. Denn solange das neue Haus noch nicht fertig war, musste man im alten wohnen. Die Äcker befanden in direkter Nähe zum Wohnplatz, die Jagd spielte jetzt keine große Rolle mehr.

Die historische Kaltenmühle bei Herbstein - Zeichnung (c) Josef Michael Ruhl

Die historische Kaltenmühle bei Herbstein - Zeichnung (c) Josef Michael Ruhl

Bedingt durch das milde Klima um 2.000 vor Christus konnten die Viehzüchter jener Zeit in den lichten Wäldern gut leben. Die Bronzezeit war so warm, dass die Wetterau versteppte und viele Siedlungen an die Vogelsberger Hänge hinauf verlegt wurden. Niemals vorher oder nachher war der Vogelsberg in einem solchen Ausmaße besiedelt. Indizien dafür sind die Aufschichtung und die Fülle der gefundenen Hügelgräber.

Ab 800 v. Chr. folgte eine große Regenperiode, was einen Rückzug der Bevölkerung von den Höhen zur Folge hatte. In den nächsten beiden Jahrhunderten setzte sich beim Hausbau der rechteckige Pfostenbau durch, hinzu kamen Blockbauten in den waldreichen Gebieten des Vogelsberges. Interessant ist, dass die Rundbauten nun lediglich als Nebenbauten oder für sozial niedrig gestellte Menschen vorkamen.

Seelenthrone, Opferpfähle oder ein Ruheplatz für den Seelenvogel

Steinerne Zeugnisse alter Kulturen findet man vertikal ausgerichtet und in der Erde verankert an ehemaligen Kultplätzen. Aufragend zum Kosmos waren sie Zeichen von Spiritualität in der Stein- und Bronzezeit. Über ihre Bedeutung kann nur spekuliert werden.

 Wenn es etwas zu erinnern gilt, wird ein Stein aufgerichtet: Hinkelsteinkultur (c) Brigitta Möllermann

Wenn es etwas zu erinnern gilt, wird ein Stein aufgerichtet: Hinkelsteinkultur (c) Brigitta Möllermann

"Was solche Hinkelsteine oder säulenartigen Menhire angeht, haben wir im Vogelsberg wohl kein Bedürfnis gehabt, Riesensteine aufrecht zu stellen. Wahrscheinlich, weil diese ja in der natürlichen Umgebung in großen Mengen vorkommen", merkte der Vortragende an. "Nur ein Fall ist mir bekannt in Meiches, wo es einen 'longstää' gab. Unser Heimatforscher Helmut Volz hat mir erzählt, dass er als Jugendlicher den Stein noch gesehen hat und auch miterlebt hat, wie ein frommer Meicheser dieses Kulturgut in tausend Stücke geklopft hat", berichtete er.

Haus - Hof - Dorf: Entwicklung von Wohn- und Wirtschaftsbauten

Das mittelalterliche Haus hatte zunächst noch ganz den Charakter des frühgeschichtlichen Hauses. Es gestaltete sich nach dem germanischen Haufendorfprinzip mit unregelmäßig verteilten Häusern in seinen beiden Typen. Erstens der Hof mit dem einräumigen Kleinhaus als Wohnung, während der Rest sich um einen Hof herum gruppierte. Zweitens das Langhaus als Hauptbau, der alle Funktionen zusammenfasste.

Wichtig waren damals die engen Beziehungen von Tier und Mensch, und praktisch dazu durch die Nutzung der Stallwärme für die oberen Geschosse und die Küche. In seiner einfachen klaren Form konnte das Einhaus zum Typus für den Vogelsberg werden. Es wies mehrere Vorteile auf, sparte Holz sowie Bau- und Konstruktionszeit, da nicht jedes Teil extra abgezimmert werden musste und verfügte außerdem über eine gute Erweiterbarkeit zum Streckhof.

Die Struktur der Dörfer, so wie wir sie noch heute im Vogelsberg sehen, ist überwiegend nach dem 30-jährigen Krieg entstanden - Zeichnung (c) Josef Michel Ruhl

Die Struktur der Dörfer, so wie wir sie noch heute im Vogelsberg sehen, ist überwiegend nach dem 30-jährigen Krieg entstanden - Zeichnung (c) Josef Michel Ruhl

In seinem Vortrag wies Josef Michael Ruhl auf einen besonderen Aspekt hin: "Wenn man die Flut an Einfamilienhäuser mit Spitzdachgiebeln der heutigen Zeit sieht, muss man feststellen, das dieses Kleinfamilienprodukt eine kulturgeschichtlich junge Erfindung ist und mit der Industrialisierung des Bauens im neunzehnten Jahrhunderts zu tun hat. Standard waren früher Gebäudekomplexe, in denen im Schnitt deutlich mehr als vier miteinander verwandte Menschen wohnten. Was heute als experimentelle Wohngruppe daherkommt, ist über Jahrhunderte hinweg ein Regelfall gewesen."

Das Vogelsberger Einhaus

Je höher man heute in den Vogelsberg hinauf kommt, desto häufiger findet dort noch das typische Einhaus vor. Der Architekt ließ die Zuhörer an seiner Betrachtungsweise teilhaben: "In seiner Art ist es zu einer Ikone geworden für den Hohen Vogelsberg. Durch die starke Gebundenheit an Landschaft und frühere Wirtschaftsformen kann der kulturhistorische Wert dieses Typus Bauernhaus nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es weist zurück auf die Ursprünge der Entstehung von Haus und Hof, als sich vor rund 5.000 Jahren umherziehende Jäger hier niederließen."

Wege und Ziele: Es schließt sich der Kreis

Ursprünglich gab es im Vogelsberg nur Trampelpfade, die Tiere, die Wasser und Futter suchten, normalerweise vorgaben. Die alten Straßen auf dem Land muss man sich demnach als einfache Naturwege vorstellen. Sie folgten der günstigsten Topografie des Geländes und mieden möglichst die feuchten Niederungen, Quertäler und steile Anstiege. Irgendwann erkannte man, dass der widerstandsfähige Basaltboden gut und dauerhaft haltbar war und sich hervorragend für Wege eignete.

Da es in alten Zeiten Sitte war, Gräber an den Straßen aufzureihen, findet man viele Grabhügel in der Nähe von historischen Straßen im Vogelsberg. Später wurden etwa alle 20 Kilometer Rastplätze angelegt, die manchmal sogar zu Siedlungen heranwuchsen.

So lag zum Beispiel nah beim Totenköppel ein strategischer Ort, von dem aus alles, was sich auf Höhenstraße tat, beobachtet wurde. In günstiger Lage entstanden an solchen Stellen irgendwann Städte, so wie Lauterbach, Alsfeld, Schotten und Grünberg.

Durch die Vogelsbergregion zieht sich ein Netz von kleinen Straßen (c) Brigitta Möllermann

Durch die Vogelsbergregion zieht sich ein Netz von kleinen Straßen (c) Brigitta Möllermann

Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein vielfältiges Wegenetz, sozusagen Korridore, auf denen sich die Menschen bewegten. Nach den ersten befestigten Wegen der Römer kamen vom Jahr 1835 an befestigte Straßen in Deutschland auf, später Schienenwege, See- und Luftwege, am Ende stand die Datenautobahn.

Am Ende ließ Josef Michael Ruhl seine Zuhörer noch an einem philosophischen Gedankengang teilhaben: "Solche rational geprägten Wege verlangen nun wohl auch ein Zurück zu den einfachen Pfaden der Menschheit in Form von Pilgerwegen. Einige führen über unser Vulkangebiet, und auf diese Weise münden Vulkanologie, Landschaft, Kultur und Baukunst letztendlich ineinander. Das verbindende Element dabei ist unser alter kalter Basalt, der hier zum Leben erweckt wird. Wobei es manchmal im übertragenden Sinne doch noch zu Ausbrüchen des Vulkans in der Landschaft, in der Kultur und im Bauen kommt."

"Wenn heute Menschen zu uns in den Vogelsberg kommen, könnte es doch sein, das sie eigentlich zurück wollen in die alte gelebte Harmonie von Natur und Mensch, dass sie den Geist dieser Landschaft aufspüren wollen, um eigene neue Wege zu finden. Sie verlassen die Städte auf der Suche nach einem existenziellen Halt in einer unübersichtlichen entfremdeten Welt", brachte Ruhl die Suche nach dem GENIUS LOCI VOGELSBERG auf den Punkt.

In Memoriam: Seinen Vortrag widmete Josef Michael Ruhl den verstorbenen Mitgliedern und Aktiven des Vereins: Alfred Schneider, Christian Aschenbrenner und Helmut Ling.

PS: Brigitta Möllermann dankt als Autorin dieses Berichtes Josef Michael Ruhl ganz herzlich für die Zurverfügungstellung seines Manuskriptes. Weitere interessante Punkte des Vortrages (Exkurse: Wüstungen, Fachwerkbauten und die romantische Architektur / Jugenstilschulen im Vogelsberg), die hier aus Platzgründen keine Erwähnung fanden, heben wir uns für die nächsten Artikel auf :-)


Stammtisch gemütlicher Teil

Nach dem Vortrag (c) Brigitta Möllermann

Nach dem Vortrag (c) Brigitta Möllermann

Nach dem einstündigen Vortrag besprach man in lockerer Runde Organisatorisches und machte verschiedene Ankündigungen für die nächsten Zusammenkünfte.

Warten auf weiteren Genuss (c) Brigitta Möllermann

Warten auf weiteren Genuss (c) Brigitta Möllermann

Das nachfolgende gemeinsame Abendessen - freiwillig und à la carte - gehört zum Standardablauf der Treffen. Ausgewählt werden einheimische Lokale, die für ihr gutes Essen bekannt sind.

Bodo Runte (stehend) verweist auf die neue Homepage - samt Geschichte der Käseschachtel (c) Brigitta Möllermann

Bodo Runte (stehend) verweist auf die neue Homepage - samt Geschichte der Käseschachtel (c) Brigitta Möllermann

Bodo Runte begrüßte die anwesenden Neu-Mitglieder und überreichte ihnen als Willkommenssymbol einen runden Käse mit historischem Deckel: "Das Etikett ist bewusst verschrammt, weil die Molkerei seit Jahrzehnten geschlossen ist. Ein 'lackierter' Deckel passt nicht zu uns."

Der etwas andere Kulturverein

Nachdem der Verein Karuszel Gebirgskulturen seine Webseite www.karuszel-gebirgskulturen.de <-KLICK erneuert hat und mit einem vierseitigen Flyer seine Ziele und das Kulturprogramm vorstellt, ist die Zahl der Mitglieder fast verdoppelt worden: Von 24 zu inzwischen 42.


Gut zu wissen: Ergänzendes auf VOGELSBERG.de


Hinweis: VOGELSBERG.de und alle enthaltenen Texte, Grafiken und Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine Verwertung ohne Einwilligung verboten. Die Inhalte dienen Ihrer persönlichen Information. Kopieren und die Weiterverwendung sind ohne Erlaubnis nicht gestattet. © 2016 - Gegen einen Link zu unserer Seite ist jedoch nichts einzuwenden :-).

3456