Land & Leute

Gemeinsam sticken am FrauenWeltenTeppich

Kategorie: Land & Leute

Wachsendes Kunstwerk: FrauenWelten auf einem Wandteppich (c) Privat

Wachsendes Kunstwerk: FrauenWelten auf einem Wandteppich (c) Privat

Als Gegenpol zu dem historischen Wandteppich von Bayeux, der auf ca. 50 cm Höhe und 78 Metern Länge in 58 Bildtafeln die Geschichte der Eroberung Englands durch Herzog Wilhelm - also eine Geschichte von Mord und Totschlag - erzählt, wurde in Herbstein ein so genannter "FrauenWeltenTeppich" begonnen. Es ist ein langsam wachsendes, man könnte sagen, interaktives Kunstwerk, das seit 2002 mit Hilfe vieler Frauen, Materialspenden und in ungezählten Arbeitsstunden erstellt wird.

Gedacht ist er als Gemeinschaftsprojekt für Frauen, ein verbindendes Symbol der Weiblichkeit, allerdings in gleicher handwerklicher Kunst mit ähnlichem Design auf Leinenbahnen und mit genauso farbenprächtigen Wollgarnen wie das Vorbild.

Mittelpunkt ist die Weltenesche Yggdrasil

Eine Menge Kreativität wird zum Ausdruck gebracht, wenn jede der Teilnehmerinnen zu den Bildmotiven weitere eigene Gedankenbilder hinzufügt. Der "rote Faden" enthält in der Regel die Namen der mitwirkenden Frauen. Erzählt wird auf 13 Stoffbahnen auch die Geschichte der Ahninnen, die nicht mehr komplett wissenschaftlich belegbar ist.

Die gestickten Bilder umfassen mythische Figuren, Tiere, Pflanzen, Steine und die Frauen selbst, dargestellt in stets wiederkehrenden Lebensstadien, die sich in symbolhafte Bilder kleiden lassen. Männer werden dabei nicht ausgeklammert, da sie von Frauen geboren, geliebt, geheilt und begleitet werden.

Der Bayeux-Teppich verherrlicht im Gegensatz dazu typische Heldentaten der dokumentierten Geschichtsschreibung. In Abbildungen von 37 Festungsbauten, 41 Schiffen, 202 Pferden / Maultieren, 55 Hunden, 505 Tiere aller Art sind 626 Menschen, in der Hauptsache Männer und nur lediglich drei Frauen zu sehen.

Der FrauenWeltenTeppich soll sich inhaltlich an dem Zyklus GEBURT-LEBEN-TOD entlang ranken, an dem Frauen maßgeblich beteiligt sind. Er wird in allen Entstehungsstadien sichtbar sein, nicht verkäuflich, sondern ein Stück lebendiger Geschichte, bei der es nicht darum geht, ihn möglichst schnell fertig zu stellen. Da es kein Anfang und kein Ende gibt, werden sich die Bahnen eines Tages zum Kreis schließen.

Frauen im Vogelsberg sticken gemeinsam: 'Und wenn der Wandteppich eines Tages fertig ist, soll er in öffentlich zugänglichen Räumen hängen.' (c) Privat

Frauen im Vogelsberg sticken gemeinsam: 'Und wenn der Wandteppich eines Tages fertig ist, soll er in öffentlich zugänglichen Räumen hängen.' (c) Privat

Die Idee ist, den Wandteppich zum Beispiel an der Innenwand eines runden Turms aufzuhängen oder um den Stamm eines sehr dicken Baums zu platzieren. Die Beteiligten sehen sich als Hebammen, Hüterinnen und Pflegerinnen des Werkes in der Hoffnung, dass möglichst viele Frauen an ihm arbeiten und ihn betrachten können.

Die Frauen sticken immer in Gesellschaft – während öffentlicher Veranstaltungen oder bei privaten Zusammenkünften. Meistens treffen sich die Frauen in Herbstein-Stockhausen am Mittwoch, nachmittags von 15 bis 18 Uhr, außer in den Schulferien. Jede flinke Hand und jedes betrachtende Auge sind willkommen, sei es regelmäßig, gelegentlich oder einmalig.

Männer sind Teil des Frauenlebens, aber nicht Lebensinhalt. Das heißt auch, wenn ein Mann in ehrlicher Motivation mitsticken möchte und alle anwesenden Frauen damit einverstanden sind, soll es ihm gestattet sein.

Kontakt: Jutta Richter, Telefon: 06647-919833, Christiane Kranz, Telefon: 06647-919041