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Land & Leute

Der Teufelsmühle ins Gebälk geschaut

Sommer 2013: Die Teufelsmühle in Ilbeshausen wird saniert (c) Brigitta Möllermann

Sommer 2013: Die Teufelsmühle in Ilbeshausen wird saniert (c) Brigitta Möllermann

"Sie gehört seit ewigen Zeiten der Familie meiner Frau", sagt Reinhard Schneider und meint damit die landesweit bekannte Teufelsmühle in Ilbeshausen im Vogelsberg. "Bis vor zwei Jahren war sie noch privat bewohnt." Das bemerkenswerte Kulturdenkmal steht im südlichen Altkreis Lauterbachs und wurde im Jahr 1691 von dem Zimmermeister Hans Muth erbaut. Im August 2013 ist sie nun mit Erlaubnis der Besitzerin vermessen worden.

Prof. Frank Oppermann von der Hochschule Darmstadt reiste für eine Woche zusammen mit zwei weiteren Lehrbeauftragten, Dipl. Ing. Peter Meister sowie Architektin und Bauforscherin Alexandra Vydra, und zwölf Studenten des Fachbereichs Architektur an, um ein "verformungsgerechtes Aufmaß" der alten Mühle zu erstellen.

Auf dem Dachboden: Prof. Oppermann mit Reinhard Schneider (links), der seinen Urlaub mit Arbeiten in der alten Mühle verbringt (c) Brigitta Möllermann

Auf dem Dachboden: Prof. Oppermann mit Reinhard Schneider (links), der seinen Urlaub mit Arbeiten in der alten Mühle verbringt (c) Brigitta Möllermann

Am Ende dieser Aktion werden ein Längs- und ein Querschnitt, zwei Grundrisse plus Ansichten der Fassade gezeichnet sein - professionelle Architektenpläne, für die auf dem freien Markt viel Geld zu bezahlen wäre. In manchen Landkreisen fordert die Denkmalschutzbehörde solche Unterlagen vor dem Beginn einer Sanierung. "Ähnlich wie im medizinischen Bereich ist eine Diagnose normalerweise die Grundlage für die Schadensanalyse und eine anschließende Therapie", meint Frank Oppermann. In vorliegenden Fall konnte mit Restaurationsarbeiten allerdings bereits begonnen werden -  finanziell unterstützt durch Mittel des Hessischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Prof. Oppermann und seine Kollegen zeigen sich begeistert. Eine ehemalige Studentin von Oppermann, heute Mitarbeiterin des Kreisbauamtes und gleichzeitig der Unteren Denkmalschutzbehörde im Vogelsberg, hatte Bescheid gegeben: "Da steht ein Gerüst, haben Sie Lust aufzumessen?" Die Teufelsmühle ist in der Szene seit mehr als 100 Jahren als "Ikone historischen Fachwerks" bekannt. Viele Fragen zur Baugeschichte sind jedoch für Oppermann offen: "Je mehr ich mich mit dem Haus beschäftige, desto mehr Fragen statt Antworten entstehen. Zum Beispiel: Wieso ist das Erdgeschoss breiter als das Obergeschoss und warum steht dann die hintere Wandkonstruktion unter dem Schleppdach im Obergeschoss nicht auf einer Wand des Erdgeschosses?"

Jeder Winkel, alle Balken werden vermessen und die Daten notiert (c) Brigitta Möllermann

Jeder Winkel, alle Balken werden vermessen und die Daten notiert (c) Brigitta Möllermann

Bislang wurde die Geschichte des denkmalgeschützten Hauses nirgends aufgeschrieben. Man weiß jedoch, dass sie einst den Namen "Hansenmühle" trug und im Januar 1530 von Theodor Riedesel zu Eisenbach als Lehen an Klaus Tuvel ("Teufel") gegeben wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass sich eine Sage um die Entstehung des prächtigen Fachwerkgebäudes rankt. Und wie so oft im Hohen Vogelsberg heißt es, dabei habe der Teufel die Hand im Spiel gehabt.

Blick in die Geschichte

Neben so genannten "Einhäusern", die unter einem Dach Wohnung, Stall und Scheune vereinigten, entstanden in der abgelegenen Mittelgebirgsregion einzelne besondere Bauten mit reich verziertem Fachwerk und Schnitzereien an Gebälk und Türportal. Sie dienten als Wohn- oder auch repräsentative Amtshäuser.

Wohnräume im ersten Stockwerk: Gruppenweise wird hier gearbeitet (c) Brigitta Möllermann

Wohnräume im ersten Stockwerk: Gruppenweise wird hier gearbeitet (c) Brigitta Möllermann

Ungewöhnlich ist bei der Ilbeshausener Mühle, dass im unteren Geschoss die Deckenhöhe wesentlich mehr als zwei Meter beträgt. Der Grund ist die Mühlennutzung im Erdgeschoss. Aber warum ist es im ganzen Haus so und nicht nur über der Mahlstube? Für diesen Umstand und einige andere Geheimnisse wegen des Mühlrads oder auffälligen Rauchspuren auf dem Dachboden werden sich sicher später Historiker oder Bauarchäologen und die Fachbehörden interessieren. Ihnen allen sollen am Ende die erstellten Pläne zur Verfügung gestellt werden. Damit fällt vielleicht der Startschuss zu einer weiteren Erforschung des Baudenkmals.

Die in diesem Sommer anwesenden Architekturstudenten lernen bei der praktischen Bau-Anamnese im Rahmen ihres Wahlpflichtfachs in der Teufelsmühle von Montag bis Samstag genau hinzuschauen. Nebenbei machen sie ganz praktische Erfahrungen mit alten Vermessungstechniken. Verwendet werden beispielsweise statt Lasermessgeräten Lote und Maurerschnüre. Ebenso gehört der Einsatz einer simplen aber höchst präzisen Schlauchwasserwaage dazu, mit der vor Jahrhunderten schon Mauern exakt auf die gleiche Höhe gebracht werden konnten.

Einfach und effektiv: Einsatz der Schlauchwasserwaage - rechts: Peter Meister (c) Brigitta Möllermann

Einfach und effektiv: Einsatz der Schlauchwasserwaage - rechts: Peter Meister (c) Brigitta Möllermann

Nachdem die jungen Leute zuvor einen Kurs in der Hochschule zum Inhalt der Projektwoche und den erwarteten Methoden absolviert hatten, verspüren manche von ihnen vielleicht schon den gleichen Forscherdrang wie ihre Hochschullehrer. Nach eigenen Aussagen treibt die Dozenten nicht nur das persönliche Interesse an, sondern auch "gemeinsamer Spaß an der historischen Entdeckung", wenn sie jedes Jahr erneut in einer Semesterferienwoche alte Gebäude unter die Lupe nehmen. Seit 1983 wurden von Prof. Oppermann auf diese Weise rund 400 Gebäude vermessen. Mit auf seiner Liste stehen Kirchen und Schlösser, ferner Gehöfte, alte Scheunen und sogar historische Schweineställe.

"Für mich ist es spannend, ein reales Objekt im Maßstab 1:1 mit untersuchen zu können", versichert einer der Teilnehmer beim abendlichen Beisammensein. Manche der jungen Frauen nicken, sind aber "von den Spinnweben und so" nicht wirklich angetan. Wenn die Teilnehmer aus dem Umkreis von Darmstadt wegen der  weiten Strecke am Abend nicht nach Hause fahren können, werden von der Hochschule Übernachtungskosten und Halbpension übernommen.

Man fragt sich im Mühlradraum: Was wurde hier gemahlen oder angetrieben? (c) Brigitta Möllermann

Man fragt sich im Mühlradraum: Was wurde hier gemahlen oder angetrieben? (c) Brigitta Möllermann

In diesem Jahr nächtigt man in der Stille des Schwarzbachtals gleich neben dem Sauwirt in Ilbeshausen-Hochwaldhausen. Dort sind alle gut und preiswert untergekommen. Im Feriendomizil "Pension Grünes Paradies" und in den Holzhäusern "Feld, Wald, Wiese" ist es bei Familie Dietrich ein netter Brauch, sich zu duzen. Jeden, ohne Ausnahme. "So fühlt man sich gleich wie in einer großen Familie", meint Juniorchefin Diana fröhlich und serviert große Schüsseln mit Nudeln und Hackfleischsoße. Sie bekommt alle satt, und morgen wird draußen gegrillt.

Quelle: Brigitta Möllermann


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