Land & Leute

Die Nachfahren der wilden Horde

Kategorie: Land & Leute
Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 26. November 2014 16:47
Geschrieben von Brigitta Möllermann
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VulTOUR Schotten (c) Brigitta Möllermann

Spektakulärer Straßenrennsport hat Schotten vor mehr als 80 Jahren bekannt gemacht. Zu der Erfolgsgeschichte der "Rennstadt" wurde im Jahr 1925 bei der Gründung des "Vogelsberger Automobil- und Motorradclubs" (VAMC) der Grundstein gelegt. Friedrich Wilhelm Engler, Landwirtschaftsrat Wenzel als zweiter Vorsitzender und der Sportberichterstatter, Dr. Heinrich Dambmann, lange als Vorsitzender des VHC tätig, brachten als erste den Motorsport in den Vogelsberg.

Sie inszenierten im gleichen Jahr rund um Schotten ihre erste Veranstaltung, ein Motorrad-Turnier, das als Spaßelement eine Slalom-Geschicklichkeitsprüfung (vor 100 Zuschauern am Wasserwerk) enthielt. Insgesamt 43 Teilnehmer waren gemeldet. Zuerst ging es zu einem Bergrennen von der Laubacher Straße bis zum Falltorhaus. Dabei wurde einzeln in zeitlichen Abständen von einer Minute gestartet. Nach einer Mittagspause folgten mehrere Runden von ca. 16 Kilometern in Staub und über den Schotterbelag öffentlicher Straßen. Eine Schutzpolizeitruppe im Urlaub sperrte freundlicherweise die Strecke ab, die Sicherung derselben übernahmen hilfsbereite Mitglieder des örtlichen Turnvereins, und dazu postierte man vorsorglich ein paar Ärzte entlang des Kurses. Der Schottenring war geboren!

In den darauf folgenden Jahren wurde der Schottenring nach und nach zum Schauplatz überregional bekannter Motorrad- und Autorennen. Viele regionale Autoclubs und dazu zehntausend Zuschauer machten sich auf den Weg in den Vogelsberg. Das Jahr 1928 bezeichnete der inzwischen knapp 50 Mann starke Verein in seiner rückschauenden Chronik als Bewährungsprobe.

Als das Rennen begann, waren alle 8.000 Programme schnell vergriffen. Die Filmstelle des Kreises Lauterbach hielt das Geschehen fasziniert in einem Stummfilm fest. Und später meinte das Frankfurter Sportecho: "Solche Zuschauermengen hat der Nürburgring noch nie verzeichnet!"

Es sollten noch mehr werden. Die Steigerung kam im Jahr 1930 auf 50.000 Sportbegeisterte, von denen keiner das "Große Volksfest des Motorradsportes" verpassen wollte. Man reiste mit Zelten an und verbrachte die Nacht vorher bereits an der Strecke. "Da brennen Lagerfeuer, da wird getanzt zu den Klängen der Ziehharmonika, da herrscht Leben und Treiben an den sonst so einsamen Serpentinen, am Karussell und auf der Feldkrücker Höhe", schrieb der Berichterstatter Dr. Heinrich Dambmann.

Es hatte sich herumgesprochen: "Rund um Schotten" zählte nach der Tourist Trophy (TT) auf der Isle of Man zu den anspruchsvollsten Veranstaltungen im Motorsport. 1934 und 1935 wurde die temporäre Rennstrecke, sprich Straße, verbessert und erhielt einen modernen hellen Betonbelag, der den Vergleich mit anderen europäischen Pisten nicht scheuen musste. Das Berliner Tageblatt schrieb hingerissen: "Der Schottenring ist eine der längsten und besten Straßen-Rennstrecken in Deutschland, der infolge ihres geradezu idealen Zustandes und ihres wunderbaren landschaftlichen Rahmens im oberhessischen Vogelsberg eine große Zukunft bevorstehen sollte."

1938 war es so weit. Vor 80.000 Zuschauern starteten 246 Rennfahrer, wobei die Seitenwagenklassen nicht mehr zugelassen, sondern durch Sportwagenrennen ersetzt wurden. Man stellte bald fest, dass gute fahrerische Leistungen auf der Strecke entscheidender waren als die bloße Geschwindigkeit.

90 Kurven gaben dem Schottenring eine "besondere Note" - wie auch die Tatsache, dass die Komponente Wetter im Mittelgebirge nicht außer Acht gelassen werden durfte. Bei einem Rennen im Juli gewitterte es an der höchsten Stelle, der Kreuzung Poppenstruth im Oberwald, so dass die Straße bedeckt "weiß wie von Schnee" war und die Wagen "vom Hagel weiß überzogen" zurückkehrten.

Im nächsten Jahr, 1939, war ein Meisterschaftslauf für Sportwagen ausgeschrieben. Neben 157 Motorrädern starteten 49 Sportwagen. Ab 1940 und während des Krieges fanden keine Rennen mehr statt.

Im Jahr 1947 initiierten die Motorradrennfahrer, die sich in einer Arbeitsgemeinschaft Deutscher Motorradrennfahrer (ADM) zusammengeschlossen hatten, eine Wiederaufnahme des Renngeschehens. Drei Sonderzüge trafen zu der Veranstaltung in Schotten ein. Durch den Mangel kurz nach dem Krieg, gab es keine Strohballen zur Kurvensicherung. So war Erfindungsreichtum angesagt: man besorgte 1.400 mit Sägespänen gefüllte Papiersäcke, die mit Draht an Bäumen und Straßensteinen befestigt wurden. Die Nachkriegspremiere konnte mit 176 Teilnehmern starten, von denen 137 als Solofahrer, 19 Gespanne und 20 mit Sportwagen an den Start gingen.

Durch den überwältigenden Erfolg beflügelt, beschloss man 1947 die Wiedergründung des von Regime aufgelösten Vogelsberger Automobil- und Motorradclubs. Bald sahen die Zuschauer wieder Solomaschinen, Seitenwagen, Sportwagen, Rennwagen in verschiedenen Klassen, sowie Kleinstrennwagen, Marke Selbstbau, auf dem Schottenring. Die auch in dieser kleinen Klasse startenden "Cooper" sollten bald den technischen Weg bereiten zur Formel 3 im Jahr 1950.

Bis 1952 gaben packende Streckenkämpfe allen sportlich-leidenschaftlichen Disziplinen auf der ganzen Linie Recht. Nach einer Rekordbesucherzahl von 270.000 Menschen in Schotten erlebte der Motorsportclub am 19. Juli 1953 das größte Ereignis seiner Geschichte. Er durfte den "Großen Preis von Deutschland für Motorräder", einen Lauf zur Weltmeisterschaft für Motorräder, auf dem Schottenring austragen.

Es waren Verbesserungen an der Strecke vorgenommen wurden, die Kurven hatten einen neuen griffigen Belag erhalten, und am Start- und Zielbereich gab es eine überdachte Großtribüne mit 2.400 Sitzplätzen für Journalisten, Ehrengäste und Zuschauer. Eine Straßenunterführung zu den Boxen und zwei Fußgängerbrücken waren über die Strecke gebaut worden. Der Schottenring wurde jetzt mit dem Nürburgring auf eine Qualitätsstufe gestellt und nur noch Fahrer mit internationaler Lizenz zugelassen.

In diesem glanzvollen Rahmen meldeten 1954 insgesamt 130 Fahrer aus elf Ländern, dazu alle namhaften deutschen Werksteams. Noch gab es keine rotweißen Flatterbänder am Straßenrand, doch an der Strecke warben bereits Reifenhersteller mit unübersehbaren Bannern. Plakate aus handgemalten Vorlagen dominierten ein Geschehen, durch das futuristisch anmutende Rennmaschinen mit Aluverkleidungen rasten. Neben der Strecke trugen die Herren Hüte und Jacketts und bei Regen wie Humphrey Bogart einen Trenchcoat. Die Jeans, Nietenhose genannt, hatte sich noch nicht als Freizeitbekleidung durchgesetzt. Bequem machte man es sich in kurzen Lederhosen.

Bis zum Schluss, im Jahr 1955, führte die 16.08 km lange Rennstrecke - ab 1938 wie bei jedem Grand Prix im Uhrzeigersinn - von Schotten über Götzen und Rudingshain wieder nach Schotten. Nach einer großen Krise im Motorradsport, ausgelöst durch einen schweren Unfall bei dem 24-Stunden-Rennen in Le Mans, und einer Entscheidung gegen gefährliche Straßenkurse fand in jenem Jahr dort das letzte Rennen statt. Die 30-jährige Schottenring Tradition beendete ein Deutscher Meisterschaftslauf, der im Fernsehen übertragen wurde: Da sah die staunende Welt Seitenwagen vor einer wunderschönen Vogelsberger Naturkulisse vorbeiflitzen.

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Zum Titelbild: Der Fachbuchautor und Sammler von Vorkriegsmotorrädern und einigen Rennwagen, Thomas Trapp aus Schöneck, hat bisher alle Schottenring Grand Prix mitgefahren. Er engagiert sich als Vorsitzender des Bereichs "Historischer Motorradsport im DMSB", als Vizepräsident des "Veteranen-Fahrzeug-Verbandes" und als Ehrenpräsident der "Union Europénne de Motocyclisme". Sein Kleinstrennwagen ist "Formel 500", ein handgefertigtes Einzelstück von 1948 mit 35 PS, 220 kg Gewicht, 150 km/h Spitze und mit Aluminiumverkleidung auf Rohrrahmen. Dieser "Ludewig Zündapp" wurde von Rolf Ludewig Essen gebaut und nur zwei Jahre von Ludewig selbst gefahren.

Quelle: Brigitta Möllermann, Auszug aus dem VulTOUR - Vogelsberg Spezial Reise- und Erlebnisführer
Historische Rennstadt Schotten und die Bergdörfer

ISBN 978-3-9811937-2-5 <-KLICK