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Land & Leute

Traditionell bis innovativ: Das leibliche Wohl

Jürgen Carnier von der Taufsteinhütte begrüßt seine Gäste im Kaminzimmer (c) Brigitta Möllermann

Jürgen Carnier von der Taufsteinhütte begrüßt seine Gäste im Kaminzimmer (c) Brigitta Möllermann

Essen im Vogelsberg: Einfache und deftige Küche aus ursprünglich bäuerlichen Zeiten

Besondere klimatische Verhältnisse und die Abgeschiedenheit des Mittelgebirges Vogelsberg wirkten sich in früheren Zeiten auf die Essensgewohnheiten seiner Bewohner aus. So wie man dort lebte, wo die Wege weit und beschwerlich waren - häuslich, arbeitsam und sparsam - war man in der Regel mit einfachen Speisen zufrieden.

Doch auch nahrhaft sollte sein, was Bauch und Seele wärmte und Mutter auf den Tisch brachte. Meist waren es bodenständige Gerichte mit sparsam eingesetzten Zutaten und vielem aus dem Garten, was Kindern und dem Herrn des Hauses schmeckte. So aß man preiswert, aber abwechslungsreich und mit oft kreativer Resteverwertung.

Klassische Fachwerk- und Schindelhäuser mit Garten (c) Brigitta Möllermann

Klassische Fachwerk- und Schindelhäuser mit Garten (c) Brigitta Möllermann

Die herzhafte Kost mundete auch durchreisenden Gästen im Wirtshaus, dessen typische Speisekarte man bis heute kennt: Strammer Max, Omelettvariationen, sonntags Sauerbraten und Knödel oder Eisbein mit Sauerkraut bzw. eine gebratene Schweinshaxe. Für ein Gulasch oder eine Hausmacher Wurstplatte im Dorfgasthaus hielt mancher gerne bei einer Tour durch den Vogelsberg. Anspruchsvolle Haute Cuisine, die elitäre Art zu kochen mit Varianten, die den Gaumen kitzeln, blieb lange den anderen, den feinen Restaurants in der Stadt, vorbehalten.

Historische Küche: Früher lebte man bescheiden (c) Brigitta Möllermann

Historische Küche: Früher lebte man bescheiden (c) Brigitta Möllermann

Was damals in den Dörfern auf den Tisch kam, war nur zu hohen Festtagen üppig zusammengestellt. An Werktagen ernährte man sich mit Gemüse und Obst, kräftigen Suppen, Brot und Mehlspeisen sowie Milch von der Kuh. Butter, Käse und Eier wurden oftmals an Händler für die Städter verkauft. Bis in das letzte Jahrhundert erlebte die Landbevölkerung erst im Herbst zum Erntedankfest den ersten festlichen Höhepunkte des Jahres. Wenn die Feldarbeit beendet und die Ernte eingebracht war, Scheune und Keller gefüllt waren, bot sich die Zeit zum Feiern an, zum Beispiel bei der Kirchweih, die im Vogelsberg Kirmes genannt wird.

Erntedank: Reife Äpfel werden geerntet und gekeltert (c) Brigitta Möllermann

Erntedank: Reife Äpfel werden geerntet und gekeltert (c) Brigitta Möllermann

Vor dem Winter kam ein Dorfmetzger zum Schlachten auf die Bauernhöfe. Fleisch und Wurst wurden für den Hausgebrauch selbst hergestellt. Bei dieser Gelegenheit kochte die Bäuerin für alle ein Mittagessen aus Fleisch- oder Wurstsuppe und Erbsenbrei. Dazu bot man frische Frikadellen oder ein Stück Wellfleisch an. Wer wollte, nahm sich in der Wurstbrühe Blut- und Leberwürstchen mit nach Hause.

Überlieferte Gerichte, die wegen des hohen Zeitaufwandes selten zu Hause zubereitet werden, gelten jetzt inzwischen vielerorts als kulinarische Spezialitäten. Viele freuen sich darauf, wenn sie von Gasthäusern in der Region frisch zubereitet angeboten werden. Die professionellen Köche im Vogelsberg wissen diese Umstände zu nutzen und offerieren sie nicht nur den Touristen. Die bekanntesten Speisen der Region sind die Beulches, auch Beutelches genannt, sowie Schlachtplatten, Kartoffelbüffets und Salzekuchen vom Blech. Auch das vorweihnachtliche Gansessen oder der Lammbraten um Ostern lockt einheimische Fans zusammen mit der Familie in die Gastwirtschaft.

Typische Vogelsberger Gerichte

Heiß begehrt: Beulches im Kochtopf (c) Brigitta Möllermann

Heiß begehrt: Beulches im Kochtopf (c) Brigitta Möllermann

Beulches sind dicke, in Leinensäckchen gekochte Kartoffelteigwürste, die Eier, Lauch, Zwiebeln, Wurststücke, Bratenreste oder Solberfleisch (gepökeltes Schweinefleisch) und Gewürze enthalten. Sie werden nach einer Stunde Kochzeit mit Zigeuner-, Speck- oder dunkler Zwiebelbratensoße gereicht. Was übrig bleibt, wird am nächsten Tag in Scheiben geschnitten und in der Pfanne angebraten. Die Beilagen dazu sind beliebig - Sauerkraut, Salat oder auch Quark.

Eine Kartoffelwurst - in der Größe einer Bratwurst - beinhaltet neben Schweinebauch und Schulterfleisch als fünften Teil gekochte Kartoffeln, die mit Gewürzen in der Wurstmasse vermengt werden. Sie wird im Eintopf gegart oder in der Pfanne gebraten. Ihre geräucherte Version ist länger haltbar und schmeckt besonders herzhaft.

Männersache: Salzekuchen beim Backhausfest (c) Brigitta Möllermann

Männersache: Salzekuchen beim Backhausfest (c) Brigitta Möllermann

Für Salzkuchen wird aus Milch, Hefe, Salz und Mehl mit ein wenig Öl ein glatter Teig geknetet. Nach dem Aufgehen wird er mit einer Kartoffelmasse aus Ei, Quark, Schmand, gedünsteten Zwiebeln und Petersilie auf einem Backblech bedeckt. Salz und Kümmel geben die Würze. Zum Schluss werden Räucherschinkenwürfel vor dem Backen im Ofen (ca. 50 Minuten) darauf verteilt.

Qualitätsversprechen: Verwendung regionaler Produkte

Viele Landgasthöfe im Vogelsberg haben sich - je nach Räumlichkeit und finanziellen Mitteln - auf das Ausrichten von Familienfeiern oder auf Tagungsgäste bzw. Reisebusse mit Ausflüglern aus dem Rhein-Main-Gebiet eingestellt. Auf den Speisekarten findet man hauptsächlich gutbürgerliche Gerichte, oft in reichlichen Portionen serviert. Obendrein ist Internationales oder sogar Exotisches dabei. Wer sich nicht ausschließlich als Dorfgasthaus versteht, für den sind zudem Vollwertküche, Seniorenportionen und Kinderspeisekarte in diesem hessischen Mittelgebirge längst keine Fremdworte mehr.

Moderne Vorspeise: Zergeht auf der Zunge (c) Brigitta Möllermann

Moderne Vorspeise: Zergeht auf der Zunge (c) Brigitta Möllermann

Eine höchst delikate Idee, die jedes Jahr die Vogelsberger Gasthöfe, Schäfer und Schafhalter sowie diejenigen, die gerne in geselliger Runde speisen, erneut zusammenbringt, sind die Lammwochen. Seit mehr als einem Jahrzehnt existiert im Vogelsberg die Aktionsgemeinschaft "Vogelsberger Lammwochen", bei der der Gastgeber am Eröffnungsabend wechselt. Das Produkt "heimisches Lammfleisch" wird vier Wochen in der Osterzeit der Öffentlichkeit auf köstlichste Weise - gesotten, gebraten und gekocht - näher gebracht.

Das Motto "Qualität aus der Region - Naturschutz, der durch den Magen geht" gilt auch für die Wildwochen im Herbst. Wildbret aus dem Vogelsberg liefert, wie auch das Lamm aus artgerechter Aufzucht, aromatisches, ausgezeichnet zartes Fleisch von besonders hoher Qualität. Mit steigender Beliebtheit werden solche kulinarischen Highlights auch von überregionalen Gästen gerne angenommen.

Lukullisch: Gaumenschmaus in Schotten (c) Brigitta Möllermann

Lukullisch: Gaumenschmaus in Schotten (c) Brigitta Möllermann

Zu einem erfolgreichen Fest für Gaumen und Sinne variiert im November ein weiteres kulinarisches Angebot. Der "Gaumenschmaus", eine Gemeinschaftsaktion in Schotten, wurde aus der Idee zur "Vogelsberger Küche“ mit regionalen Produkten entwickelt. Um die Bandbreite ihres Könnens zu zeigen, kreieren Köchinnen und Köche gemeinsam mit der Gesellschaft für Tourismus und Marketing in Schotten jährlich ein neues Thema. Der Zauber aus Töpfen und Pfannen mit Programm und wechselnder Dekoration wird in der Region begeistert angenommen. Der Event ist jedes Mal in kurzer Zeit ausverkauft.

Quelle: Brigitta Möllermann

2018 Vogelsberg