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Land & Leute

Me, myself and I... Rock around the Steeple

Die Kirche im Dorf: Tradition im Vogelsberg (c) Brigitta Möllermann

Die Kirche im Dorf: Tradition im Vogelsberg (c) Brigitta Möllermann

Im Vogelsberg, so heißt es oft, gäbe es noch ein weit verbreitetes Kirchturmdenken. Das soll bedeuten, hier fehle generell der Weitblick, denn man denke nur so weit, wie man seinen (!) Kirchturm sehen könne. Anders ausgedrückt, man schaut nicht "über den Tellerrand hinaus". Positiv könnte man es aber auch als eine Art Bescheidenheit sehen, sich (nur) auf die wesentlichen Dinge in seiner Umgebung zu beschränken...

Das Dumme daran: Leider bringt es niemanden weiter, weil man irgendwie nur "auf der Stelle tritt" und sich selten auf "Nochniedagewesenes" einlässt. Neben diesen beiden Aspekten ist das Abwehren von "Fremdem" zudem noch recht typisch für diese nicht mehr zeitgemäße Haltung.


Des Geistes Licht, des Wissens Macht,
Dem ganzen Volke sei's gegeben!

Im heutigen "Informationszeitalter" gilt noch immer der uralte Spruch: Wissen ist Macht <-KLICK. Und genau das billigen "Kirchturmdenker" anderen Menschen ungern zu. Da heißt es schon mal: "Das geht den gar nichts an!"

So geschieht es leider immer wieder, dass Informationen nicht an alle verteilt werden - siehe dazu: Herrschaftswissen <-KLICK.

Ob das absichtlich oder auch nicht passiert, die Übergangenen sollen an keinen Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Am liebsten werden zudem jene Leute herausgehalten, die dem "inneren Kreis" nicht angehören.

Doch das kann dank des technischen Fortschritts recht locker ausgeglichen werden durch Google, die Wissenskrake und beliebte Suchmaschine, die (fast) alles weiß, PLUS selbstverständlich uns als News-Dealer.

Wir bei VOGELSBERG.de buddeln ständig interessante Dinge, Geschehnisse und besonderes Wissen aus und verbreiten es hier & heute - online und kostenlos :-)

Ganz nach dem Motto: Erweitere deinen Horizont - mit dem netten kleinen Nebeneffekt: Das Fernsehen liest mit... *schmunzel*


Gut zu wissen

Geschichtlicher Hintergrund

Stellen Sie sich vor, Sie sind der König eines kleinen Landes in grauer Vorzeit, als es weder Telefon, noch Fernsehen oder Radio, geschweige denn Wikipedia gab. Nachrichten wurden standardmäßig per berittenem Boten überbracht, Geheimes gut versiegelt.

Des Lesens und Schreibens "mächtig" (beachten Sie das Wort ;-) waren damals ausnahmslos höher gestellte Persönlichkeiten, auf keinen Fall jedermann. Dass Bauern und Handwerker die Chance hatten, sich Wissen zu verschaffen, geschah erst im Zeitalter der Aufklärung, so ab 1700 <-KLICK.

Da Sie als König Ihre Untertanen brauchen - die Ihnen Essen liefern, Ihr Schloss bauen und Mauern um die Marktstadt ziehen sollen - müssen Sie sie unbedingt dazu bringen, zu Ihnen zu halten. (Sonst stehen Sie alleine da.) Im Gegenzug dafür gewähren Sie ihnen Schutz vor Feinden, die bekanntermaßen ja gleich nebenan wohnen.

Als das Faustrecht <-KLICK noch galt, enstand das Kirchturmdenken

Ihre Nachbarn sind bestimmt / grundsätzlich neidisch auf die gute Ernte Ihrer Bauern oder ihr wohlgenährtes Vieh. Außerdem lauern sie doch vermutlich / bestimmt nur darauf, die hübschen Mädchen Ihrer  Dörfer zu verschleppen. Da wird einem klar, dass damals "Verschwisterungen / Verbrüderungen" verpönt waren.

Wen man nicht kennt, dem begegnet man also am besten mit einer gehörigen Portion Misstrauen. Grundsätzlich wird immer vermutet, dass Fremde "Böses im Schilde" führen. Diese Haltung wurde von den Herrschenden willkommen geheißen. Ihr Motto lautete "Teile und herrsche" - eine Ethik und Moral, der Sie sich als Herrscher wohl oder übel anschließen müssen. Denn Teambildung mit der Mannschaft und den Untertanen wäre zu jenen Zeiten absolut OUT gewesen.

Macht, Pracht und Eindruck schinden

So einfach gestrickt, wie man damals war, bewunderte man - schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb - alle Mächtigen. Die dann auch noch zwecks Show den Eindruck verstärkten und möglichst noch einen "obendrauf" legten mit ihren überdimensionalen Bauten, allem möglichen Pomp und einem riesigen Hofstaat sowie einer Menge Gefolgsleute.

Beeindruckend wird es für Ihre Landbewohner, wenn Sie eines Tages mit Ihrem Tross auf eine Inspektionsreise ihre Dörfer besuchen kommen. Abgesehen davon, dass Sie und Ihr vielköpfiger Anhang (manchmal hunderte Begleiter plus Pferde und Wagen) bei solchen Gelegenheiten die bäuerlichen Scheunen und Vorratskammern leer zu essen pflegen, haben Sie bestimmt eine recht üble Laune.

Reisen zu Pferd oder in der Kutsche waren verflixt beschwerlich. Und nett müssen Sie ja gar nicht sein als König, eher durchsetzungsfähig: siehe: Karl der Große <-KLICK

Das Gesetz der grauen Vorzeit machen übrigens Sie ganz alleine. Sie bestimmen die Regeln des Zusammenlebens und was "recht und billig" ist. Gute PR (public relations) brauchen Sie dabei nicht. Die Beziehungen zur Öffentlichkeit werden bestens durch lautes Schwerterrasseln auf effektvolle Weise hergestellt.

Aufständische Frei- und Querdenker waren bei den Machthabern immer unerwünscht

So ist es Ihnen letztendlich recht, wenn Ihre Untertanen NICHT angstfrei mit dem logische Denken anfangen und etwa neue Ideen produzieren. Sie halten sie "in Schach" und bläuen ihnen ein: Lasst euch von Fremden nicht in die Karten gucken, haltet mit euren Vorhaben "hinter dem Berg" und sucht euch um Gotteswillen keine Mitstreiter. Die würden euch sowieso nur "über den Tisch ziehen"...

Tja, außerdem konnte man prima behaupten, es wäre "immer schon so gewesen", und ohne König / Obrigkeit / Lenkung von oben ginge alles "den Bach runter".

Das Gegenteil zu beweisen hätte zu jener Zeit wohl kaum jemand geschafft!


Übrigens hat es das Wort "Kirchturmdenken" in die beliebte Enzyklopädie geschafft - jedoch nur als Weiterleitung zur Kirchturmpolitik (siehe weiter unten).

Positiv für unser Mittelgebirge Vogelsberg ist am Ende, dass zu "Hintertupfingen" eine Liste aufgeführt ist, auf der unserer Landstrich, NICHT aufgeführt ist:

  • Absurdistan
  • Badisch Sibirien
  • Eketahuna
  • Podunk
  • Posemuckel
  • Timbuktu
  • Walachei
  • ;-))))

Als Kirchturmpolitik bezeichnet man in der Politikwissenschaft politische Entscheidungen, die vor allem eine eng umgrenzte Zielgruppe oder eine bestimmte Region bevorzugen. In der Regel setzt sich der betreffende Politiker dabei, oft auch in engstirniger Weise, für die Interessen seines eigenen Wahlkreises oder seiner engeren Heimat ein.

Die Bezeichnung umschreibt so bildhaft das Eintreten für das eigene Dorf (eben den „Kirchturm“) und Auswirkungen, die nur so weit bedacht werden, wie man den eigenen Kirchturm sieht. Alle weitergehenden Auswirkungen im größeren Maßstab treten dabei in den Hintergrund.

In der Politikwissenschaft wird dem Mehrheitswahlrecht die Gefahr zuerkannt, dass die Abgeordneten Kirchturmpolitik betreiben könnten, da ihre Wiederwahl ausschließlich von der Zustimmung im eigenen Wahlkreis abhängt, während das Verhältniswahlrecht die Unterstützung in überregionalen Mehrheiten erfordert.

Siehe auch: Schildbürger, Hintertupfingen (kleiner, abgelegener Ort), Krähwinkel (Lustspiel über Kleinbürger), Spießbürger, Provinzialismus...

Quelle: Wikipedia

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2017 Vogelsberg