Land & Leute

Frau Holle und das Wildfrauhaus

Kategorie: Land & Leute
Zuletzt aktualisiert: Montag, 02. April 2018 08:40
Geschrieben von Brigitta Möllermann
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Geheimnisvolle Alteburg (c) Brigitta Möllermann

Geheimnisvolle Alteburg (c) Brigitta Möllermann

Als die Bäume eines dichten Waldes und eine Felsanhöhe noch Schutz vor Überfällen und wilden Tieren boten, als die Keule noch die tödlichste Waffe war und man das gefährliche und doch lebenspendende Feuer wie einen Schatz hütete, erzählt man sich, hätte auf einer Basalt-Felsgruppe im Vogelsberg im Wald bei Wohnfeld Frau Holle ihr Haus gehabt. Damals lebten die so genannten wilden Frauen frei und allein im Wald. Mag es sein, dass sie von einem Stamm der Germanen oder einer Gruppe Kelten verstoßen worden waren - oder sogar erwählt, eine Kultstätte, einen Opferplatz zu hüten - glücklich waren sie dort in der Einsamkeit sicher nicht.

Vielleicht hatten sie sogar die Fruchtbarkeitsgöttin Freyja - auch Göttin der Schönheit und der Liebe - verärgert und waren so hässlich wie die Nacht, in der sie sich versteckten. Wer weiß das heute noch. Es gab niemanden, der es für uns aufschrieb. Zu jener Zeit beherrschte kaum jemand die Kunst des Schreibens. Das Papier und die Drucktechnik waren noch lange nicht erfunden, und nicht jedes Volk hinterließ der Nachwelt Berichte auf Stein. Wenn ein paar hundert Jahre später jemand etwas auf Pergament schreiben ließ, dann waren es die Herrscher der damaligen Welt, die sich etwas mitzuteilen hatten - Kirchenfürste, Könige.

Viele tausend Jahre lang war das einfache Volk darauf angewiesen, seine eigenen Erfahrungen und anderes - Erlebtes, Gehörtes - mündlich weiterzugeben. Über den gewöhnlichen Alltag verlor man sicher kaum viele Worte. Jeder Tag bedeutete damals schwere körperliche Arbeit: Holz machen, jagen, Essen zubereiten - Kleidung, Waffen und Werkzeug herstellen. Dabei musste (und konnte) man nicht groß reden. Erst abends, wenn man zur Ruhe kam und kein Feind in der Nähe lauerte, war vielleicht die Zeit zum Erzählen gekommen.

Heute wie damals hörte man natürlich am liebsten Geschichten über ungewöhnliche Dinge - und SAGENhaftes. War jemandem etwas Schreckliches oder Unheimliches zugestoßen, dann war es auf jeden Fall wert, berichtet zu werden. Viele Geschehnisse konnte man sich früher nicht erklären, und auch die Natur hatte so manches parat, um zum Beispiel einsame Wanderer zu erschrecken. Lauter Donner, Lichterscheinungen am Himmel waren auf jeden Fall dazu angetan, auch dem stärksten Mann eine Gänsehaut über den Rücken kriechen zu lassen. Wie mögen sich die wilden Frauen aber dabei allein im Wald gefühlt haben?

Ist es also ein Wunder, dass sie manchmal - wie von Furien gehetzt mit wehenden Haaren und lautem Geschrei - ins Dorf gestürmt kamen und voller Panik Einlass forderten? Auf einem Besen wären sie geritten, wird man später erzählen. Der Stock, den sie im Wald zum Wandern und Klettern für gewöhnlich dabei hatten und mit dem in der Hand sie plötzlich aus der Dunkelheit auftauchten, wird ihnen kaum Sympathien eingebracht haben.

Es ist nicht viel Phantasie dazu nötig, sich die Reaktion auf so ein Ereignis vorzustellen. Im gelindesten Fall wird es Misstrauen, Vorsicht und Abneigung hervorgerufen haben - im schlimmsten Fall ging man auf die wilde Frau los und verjagte sie schleunigst wieder. Falls sie einen Hagel Steine oder ein paar deftige Keulenhiebe überlebte, wird sie sicher - ungeachtet aller heutigen psychologischen Erkenntnisse - nach ihrer Rückkehr in den Wald auf ihrem Felsen die Götter der Rache beschworen und auf Vergeltung gesonnen haben :-)

Im Vogelsberg war es schon immer nachts kalt - und im Winter eisig - ganz besonders auf den Höhen. In Urzeiten dort einsam zu campen war sicher nicht wirklich romantisch. Im Gegenteil, es war eher eine Kunst, in der Wildnis alleine zu überleben. Abgesehen von der Abgeschiedenheit, die für alle Menschen schwer zu ertragen ist, waren die Tage der Wilden Frauen randvoll von Sorgen und Mühen - um Brennholz, Nahrung und Suche nach Schutz vor Kälte und Feuchtigkeit. Ihre Fröhlichkeit hielt sich dabei wohl in sehr engen Grenzen. Ihr Gesicht zeigte bald die Spuren der Anstrengungen. Vom schweren Tragen war irgendwann ihr Rücken krumm, und die Gelenke wurden steif und die Hände rissig.

Selbst, wenn so eine Frau einmal schön gewesen war, nach einiger Zeit war sie es keinesfalls mehr. Schmutzig, zerzaust und unfreundlich wird sie ausgesehen haben. Wie eine Hexe - genau so, wie sie die Gebrüder Grimm sie beschrieben haben. Wagten sich einmal verirrte Kinder oder Wanderer in ihre Nähe, erschreckte sie diese mit ihrem Aussehen, ihrer knarrenden, ungeübten Stimme und ihrem ungewöhnlichen Gehabe. Ihr verräucherter Unterschlupf, nur beleuchtet von einer Feuerstelle, hing sicher voll mit Kräutern und getrockneten Resten essbaren Getiers. Vielleicht schwamm auch ein Frosch im Suppenkessel, und möglicherweise war ihr einziger Geselle ein schwarzer Rabe oder eine zugelaufene Katze.

In vielen Sagen und überlieferten Märchen - wie zum Beispiel bei Frau Holle - heißt es, dass die wilden Frauen den guten Menschen zugetan waren - sie belohnten - und die Bösen bestraften oder verhexten. Das verwundert uns nicht. Auch wir lassen uns heute noch allzu gerne bei unseren menschlichen Kontakten von Sympathien leiten. Wenn uns jemand (oder etwas) Angst macht, mögen wir das nicht. Und so manches Mal kann es passieren, dass wir uns versucht fühlen, dann ein Märchen über eine echte Geschichte zu erzählen...

Quelle: Brigitta Möllermann - Bitte beachten Sie das Copyright! 

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