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Energie & Natur

Erneuerbare Energien: Besichtigung der OVAG Netzleitwarte

„Ist bei uns ein totaler Stromausfall wie kürzlich in Indien möglich?“ Das war die Eingangsfrage von Dr. Jutta Kneißel, Vorsitzende des Vereins Erneuerbare Energien für Schotten, bei einem kürzlichen Besuch in der Netzleitwarte der OVAG (Oberhessische Versorgungsbetriebe AG, Anbieter für Strom und Wasser) am Stadtrand von Friedberg. Vorstand Rolf Gnadl hatte die Vereinsmitglieder und weitere Interessierte in das „Nervenzentrum“ eingeladen, wo das gesamte Stromnetz der OVAG überwacht wird, um eine reibungslose Stromversorgung sicherzustellen.

Ein totaler „Black Out“ sei zwar auch bei uns grundsätzlich möglich aber nicht sehr wahrscheinlich, so Alfred Kraus, Leiter des Netzbetriebs der ovag Netz AG. Und zwar dann, wenn die Frequenz von 50 Herz im europäischen Verbundnetz über- oder unterschritten wird. Das könne passieren, wenn die eingespeiste Leistung und der aktuelle Verbrauch nicht im Gleichklang sind.

Falls das in Deutschland passiere, würde sich nach einer Sekunde zum Beispiel Frankreich abkoppeln. Wir säßen dann im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Es käme also immer darauf an, die Spannung stabil zu halten. Werde mehr verbraucht, müsse zusätzliche Leistung zugeführt werden. Am 9. Februar dieses Jahres gab es eine schwierige Situation in Süddeutschland. Sie wurde entschärft, weil 6000 Megawatt Strom aus Österreich in das deutsche Netz eingespeist wurden.

Allerdings lägen solche Probleme außerhalb der Zuständigkeit der ovag Netz AG. Sachgebietsleiter Christian Weber und seine Mitarbeiter, genannt „Netzführer“ überwachen im Rund-um-die Uhr-Schichtbetrieb von ihren Steuerpulten das OVAG Stromnetz. Störungen und somit Stromausfall können zum Beispiel durch Blitzeinschläge, umfallende Bäume entstehen oder ein Bagger beschädigt ein Erdkabel.

Bei Stromausfall erfolgt eine Fehlermeldung. Das System erkennt, wo der Fehler "verortet" ist und zeigt die Störungsstelle in der grafischen Darstellung des Netzes am Bildschirm. Die Netzführung benötigt diese Information, um auf eine andere Leitung umzuschalten, damit der stromlose Bereich wieder versorgt wird. Es ist aber auch die Information für den Reparaturtrupp, damit der nicht die Netzleitungen über viele Kilometer abfahren muss.

Am 28. Juli 2012 gab es im Verlaufe eines Unwetters 5.300 Blitzeinschläge im OVAG-Versorgungsgebiet. Einige davon führten auch zu Kurzschlüssen im Netz. Mit einer Blitzortung und einem Satellitenbild konnten die Einschlagorte auf 100 Meter genau festgestellt werden.

Noch kauft die OVAG den meisten Strom auf dem Strommarkt. Systemrelevant sind aber inzwischen auch Photovoltaik-Anlagen im OVAG-Netzgebiet, die direkt in das Niederspannungsnetz einspeisen, mit dem die Haushalte versorgt werden. Am 1. August 2012 wurden 90 Megawatt Strom mit diesen PV-Anlagen im OVAG-Gebiet erzeugt, berichtete Alfred Kraus. Das entsprach an diesem Tag einem Drittel des Stromverbrauchs.
 
Eine weitere Säule für die Energiewende sind Windkraft-Anlagen. Der Vogelsberg ist das "windhöffigste" Gebiet in Hessen. Hier ist der Windertrag desselben Windanlagentyps 1,6 mal größer als zum Beispiel in der Wetterau. Der Ertrag der Windkraftwerke kann über eines der 21 Umspannwerke direkt in das 110 kV Hochspannungsnetz eingespeist werden, sofern der Verbrauch über das Mittelspannungsnetz nicht vor Ort oder in der Umgebung möglich ist. Die aktuelle Leistung jeder Windmühle im OVAG-Netz kann vom Steuerpult kontrolliert werden, was Christian Weber an mehreren Beispielen demonstrierte.

"Die Energiewende ist für unser Stromnetz eine riesige Herausforderung," so Vorstand Gnadl. Die aus den 1960er Jahren stammenden Stromleitungen sind für die dezentrale Energieerzeugung nicht ausgelegt. Sie müssten heute mehr Leistung aufnehmen können, um die von Wind und Sonne abhängige Erzeugung besser auszugleichen. Für ihre Instandhaltung und den Ausbau investiert die OVAG viel Geld. Ein schnellerer Ausbau wird durch das knappe Netzentgelt begrenzt, das von der Aufsichtsbehörde Bundesnetzagentur festgelegt wird.

Die Energiewende sei ohne Atomstrom und zusätzliche Kohlekraftwerke zu schaffen, gibt sich Ingenieur Alfred Kraus optimistisch. Entscheidend dabei wird die Entwicklung der Speichertechnik in den nächsten Jahren sein. Schon heute liegt die Einspeisevergütung für Photovoltaik-Anlagen unter dem Strompreis von Privatkunden. Er ist überzeugt: "Wenn die Preise für Haushalt-Speicher genau so fallen, gibt es immer mehr Selbstversorger. Und unser Erdgasnetz bietet genügend Speicher für durch Strom erzeugtes Methan. Damit könnten Engpässe überwunden und die Industrie versorgt werden."

Quelle: Verein Erneuerbare Energien für Schotten (EES)

2018 Vogelsberg